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Nachgefragt: Wie finde ich die richtige Schule für mein Kind?

Mittelschule oder Gymnasium, ein Sportschwerpunkt oder doch lieber die Schule im Ort? Die Wahl der weiterführenden Schule wird in den meisten Familien heiß diskutiert. Denn: Die eine richtige Antwort gibt es nicht. Bildungsforscherin Sabine Buchebner-Ferstl erklärt im Interview Stärken und Schwächen der verschiedenen Schultypen.

Die Entscheidung auf welche Schule ein Kind nach der Volksschule gehen soll, bedeutet für viele Eltern Druck und Stress. Warum ist das so und wie kann man dem entgegenwirken? 

Diese Entscheidung wird von den Eltern als wichtige Weichenstellung für das weitere Leben begriffen. Dies trifft insofern zu, als ein späterer Wechsel von der MS in eine AHS (nach der 8. Schulstufe) nur selten erfolgt und wenn, dann mit einer höheren Drop-Out-Quote einhergeht. Dies liegt nicht nur an Leistungsunterschieden zwischen AHS und (N)MS am Ende der 8.Schulstufe, sondern auch daran, dass sich die Neuankömmlinge natürlich auch erst in die neue Situation einfinden müssen (neue Lehrer:innen, anderer Unterrichtsstil, neuer Klassenverband…). Der Wechseln in eine BHS erfolgt hingegen wesentlich häufiger (ca. jede:r dritte (N)MS-Absolvent:in), wobei sich aber auch hier (N)MS-Absolvent:innen im Durchschnitt mit dem Übertritt etwas schwerer tun. Die gute Nachricht, die den Stress etwas nehmen kann, ist auf jeden Fall, dass weiterhin alle Bildungswege einschließlich der Weg zur Matura und zu einem späteren (Fach-)Hochschulabschluss offen stehen. Die etwas geringere Erfolgsquote im Vergleich zu Schüler:innen aus AHS-Unterstufen soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass eine deutliche Mehrheit der früheren (N)MS-Schüler:innen einen positiven Abschluss erreicht.  

Vor Augen halten sollte man sich auch, dass nicht der Schultyp an sich der ausschlaggebende Punkt ist, sondern vielmehr die Qualität der einzelnen Schule. So existiert eine Vielzahl ausgezeichneter (N)MS mit vielfältigem Angebot, während die Bezeichnung AHS nicht automatisch als Qualitätskriterium herangezogen werden kann. 

Sabine Buchebner-Ferstl.

Welche Faktoren sind für die richtige Schulwahl denn entscheidend?

Wenn zu erwarten ist, dass sich das Kind in einer AHS wahrscheinlich nicht so leichttun wird, ist die Entscheidung dafür auch nicht sinnvoll. Leider erfolgt die Trennung der Kinder mit zehn Jahren bei uns zu einem (zu) frühen Zeitpunkt. Neben der Intelligenz spielen auch viele andere Dinge wie Motivation, Konzentrationsfähigkeit, Arbeitshaltung und Selbständigkeit eine Rolle, die sich bei Kindern unterschiedlich entwickeln, für einen erfolgreichen Schulbesuch aber ebenso wichtig sind. In einer AHS sind die Anforderungen im Hinblick auf diese Aspekte in der Regel höher. In der (N)MS liegt der Schwerpunkt stärker auf der pädagogischen Ebene und der individuellen Förderung, was sicher als Stärke dieses Schultyps gesehen werden kann. Wenn ein Kind in dieser Hinsicht (noch) mehr Unterstützung benötigt, kann dieser stärkere individuelle Fokus sehr unterstützend für die weitere Entwicklung wirken. Grundsätzlich soll die Entscheidung für den Schultyp aber nicht von den Eltern allein und keineswegs gegen den Willen des Kindes getroffen werden. Auch die Einschätzung der Lehrkraft aus der VS ist ein wichtiges Kriterium. 

Geht es um die Wahl einer konkreten Schule, spielt der Wohnort im Hinblick auf das Angebot natürlich eine sehr große Rolle. Im ländlichen Raum stellt sich die Frage nach einer bestimmten Schule innerhalb eines Schultyps nicht in diesem Ausmaß, da die Angebote zumeist sehr überschaubar sind. Im städtischen Umfeld bestehen deutlich mehr Möglichkeiten, allerdings auch die größere Herausforderung, Qualität und Angebot der einzelnen Schule genau unter die Lupe zu nehmen. Die (N)MS mit hochengagierten Lehrpersonen und einem umfassenden Unterstützungssystem vermag vielleicht deutlich bessere Voraussetzungen zu bieten als die AHS, die sich aufgrund des Andrangs aufgrund des Schultyps nicht speziell um ihre Schüler:innen bemühen muss. Zusammenfassend ist es wichtig, dass die Schule zum Kind passen muss, sowohl was den Schultyp als auch die einzelne Schule betrifft. Spezielle Begabungen und Interessen des Kindes sollten hier natürlich ebenso einfließen – Schulen mit sportlichem musikalischen, sprachlichen, naturwissenschaftlichen etc. Schwerpunkt gibt es schon im Bereich der Sekundarstufe 1. 

Darüber hinaus existieren noch andere Kriterien für die Schulwahl, die einfließen können, z.B. die Erreichbarkeit der Schule (Anfahrtszeit) oder die Schulwahl der Freund:innen des Kindes. Hier gilt es besonders sorgfältig abzuwiegen, welchen Stellenwert diesen Kriterium einzuräumen ist. Prestigedenken oder sozialer Druck („man“ geht in diese Schule, moralische Verpflichtung gegenüber der Heimatgemeinde o.ä.) sollten gegenüber anderer Kriterien nur eine untergeordnete Rolle spielen. 

Problematisch wird es vor allem dann, wenn die Einschätzung von Eltern und Lehrkraft nicht übereinstimmen. Welche Möglichkeiten gibt es hier?

Eine Rolle spielt es hier sicher, welches Verhältnis zwischen Eltern und Lehrkraft besteht. Ein angespanntes Verhältnis oder das Gefühl, das eigene Kind wird ungerecht behandelt, können es Eltern schwermachen, die Einschätzung der Lehrkraft anzuerkennen. Empfehlenswert ist es als Elternteil, sich die Argumente der Lehrkraft gut anzuhören, kritisch zu reflektieren und sich auch vor Augen zu halten, dass die Lehrkraft das Kind in der Schulsituation täglich erlebt. Eltern und Lehrkräfte können dasselbe Kind durchaus unterschiedlich erleben bzw. das Kind verhält sich in der Schule eventuell anders als zuhause. Die Einschätzung der Lehrkraft sollte am besten als wichtiger Input für die Entscheidungsfindung verstanden werden, der vielleicht auch einen etwas objektiveren Blick auf das eigene Kind ermöglicht. Sind die Einschätzungen sehr unterschiedlich, ist es wichtig, sich sehr genau und auch (selbst)kritisch anzusehen, woran das liegen könnte. Gerade in dieser Situation wäre es besonders wichtig, im Gespräch zu bleiben und gegenseitige Wertschätzung und Respekt zum Ausdruck zu bringen. Nicht empfehlenswert ist es, die Lehrkraft unter Druck zu setzen, um bessere Noten als Eintrittskarte für die AHS zu erzwingen. Leider kann die Notengebung niemals gänzlich objektiv sein, sondern hängt etwa auch vom Kontext ab, also ob das Kind zum Beispiel einer leistungsstarken Klasse angehört oder sich der Großteil der Kinder mit dem Lernen schwertut. Im Gegensatz z.B. zu manchen deutschen Bundesländern ist die Empfehlung der Lehrkraft für einen Schultyp ohnehin nicht bindend, solange ein bestimmter Notenschnitt erreicht wird (nicht schlechter als GUT in Deutsch, Lesen, Schreiben, Mathematik und alle anderen Pflichtgegenstände positiv). 

Lässt die Notengebung einen Besuch der AHS nicht zu, obwohl die Eltern der Meinung sind, dies liege an der Beurteilung durch die Lehrkraft und nicht am Kind, besteht immer noch die Möglichkeit für das Kind, eine Prüfung abzulegen. Hat man allerdings einen sehr starken Eindruck, das eigene Kind werde (etwa auch im Hinblick auf die Notengebung) klar schlecht behandelt, benachteiligt o.ä. und ein wertschätzendes Gespräch zwischen Eltern und Lehrkraft nicht (mehr) möglich sein, kann es aber auch sinnvoll sein, die Schulleitung oder in weiterer Folge auch externe Personen (z.B. Schulberatungsstellen) beizuziehen. 

Und was wollen die Kinder? Wie wichtig ist es, die Kinder an der Entscheidung teilhaben zu lassen? Und passiert das in der Regel ausreichend?

Die Entscheidung für eine weiterführende Schule sollte niemals die alleinige Entscheidung der Eltern sein. Allerdings ist es auch nicht sinnvoll, das Kind mit der Entscheidung gänzlich allein zu lassen. Eine Mutter hat in einem Eltern-Forum geschrieben, ihr Kind hätte die Entscheidung „nach der Farbe des Turnsaals“ getroffen, weitaus häufiger ist es jedoch der Fall, dass das Kind in die Schule gehen möchte, in die auch der beste Freund oder die beste Freundin gehen wird. Zu berücksichtigen ist einerseits, dass Kindern sich entwicklungsbedingt im Alter von zehn Jahren noch schwertun, weitreichende Entscheidungen zu treffen, bei denen verschiedene Aspekte zu berücksichtigen sind. In einem ersten Schritt ist es wichtig, als Eltern – am besten noch in der 3.Schulstufe – einmal auszuloten, welche Vorstellungen das Kind hat bzw. ob es überhaupt schon über die Schulwahl nachgedacht hat. In vielen Fällen wird hier auch eine Übereinstimmung zwischen Eltern und Kindern bestehen. Das hat sehr stark mit den Sozialisationsbedingungen zu tun – für das Kind aus einer Familie mit hoher Bildungsaspiration, wo vielleicht beide Eltern Akademiker sind, ist es für das Kind oft „sowieso klar“, dass es in eine AHS gehen wird. Somit stellt sich auch die Frage nicht, ob und inwieweit das Kind in die Schulwahl einbezogen werden soll. 

Die Frage stellt sich insbesondere dann, wenn die Wahl der Eltern und des Kindes unterschiedlich ausfällt oder aber wenn der „übliche“ Weg nicht ideal erscheint (das Akademikerkind z.B. große Lernschwierigkeiten hat). Aufgabe der Eltern ist es, mit dem Kind gemeinsam eine verantwortungsvolle Entscheidung zu treffen. Dazu gehört sicherlich auch, die eigenen Vorurteile und „Selbstverständlichkeiten“ zu hinterfragen („mein Kind muss in eine AHS“/“geht selbstverständlich in die örtliche (N)MS“). Eltern sollten ihrem Kind so gut wie möglich beratend zur Seite stehen und vielleicht auch Aspekte einbringen, die das Kind nicht bedacht hat. Sinnvoll ist es, sich gemeinsam über die gewünschte Schule und etwaige Alternativen zu informieren (Schulhomepage, Tag der Offenen Tür etc.), da Kinder in diesem Alter normalerweise noch nicht die Ressourcen besitzen, sich selbständig umfassend zu informieren. Dabei liegt es auch bei den Eltern, das Kind auf Alternativen aufmerksam zu machen, auf die es allein nicht gekommen wäre. Ebenso ist es Aufgabe der Eltern, das Kind auch auf Dinge hinzuweisen, die das Kind nicht am Schirm hat – zum Beispiel, dass es für die Wunschschule eine weite Anreise in Kauf nehmen muss oder dass es auf der Sportschule, in die der beste Freund geht, als wenig sportbegeistertes Kind vielleicht nicht so gut aufgehoben ist. 

Trotz der grundsätzlich höheren Entscheidungskompetenz, die Erwachsene Kindern gegenüber haben (sollten),  ist es für Eltern aber wichtig, sich vor Augen zu halten, dass es letztlich das Kind ist, das in der Schule zurechtkommen muss. Wenn das Kind in der objektiv gesehen idealen Schule todunglücklich ist, wird sich das vermutlich auch auf den Lernerfolg auswirken. Hier etwas erzwingen zu wollen, wird sich vermutlich nicht als erfolgsversprechend erweisen und kann im schlechtesten Fall das Eltern-Kind-Verhältnis nachhaltig beschädigen.  

Welchen Stellenwert haben die Stärken und Interessen der Kinder generell bei der Schultyp-Entscheidung?

Bei der Schultypentscheidung spielt es zuallererst eine Rolle, wie leicht bzw. schwer dem Kind das Lernen fällt. Die unter 2. genannten Aspekte wie Motivation, Konzentrationsfähigkeit, Arbeitshaltung und Selbständigkeit sind ebenso ausschlaggebend. Fällt die Wahl auf eine AHS, ist es natürlich von Vorteil, wenn das Kind in diesen Bereichen Stärken aufweist. Die Interessen sind beim Übergang in die Sekundarstufe 1 noch nicht von so großer Bedeutung wie beim Übergang in die Sekundarstufe 2 (nach der 8.Schulstufe), wo das Angebotsspektrum dann deutlich größer ist (Fachschulen, Lehrberufe, verschiedene BHS…). Im Alter von zehn Jahren sind die Interessen auch häufig noch nicht so ausdifferenziert, dass sie schon in Richtung einer Berufsausbildung weisen. Für sport- oder musikbegeisterte bzw. in dieser Richtung begabte Kinder existieren Schwerpunktschulen. In der AHS fällt die Entscheidung für einen Zweig meistens erst später bzw. stehen mit dem Eintritt in die AHS oft mehrere Möglichkeiten offen (z.B. Sprachzweig, naturwissenschaftlicher Zweig).  

Ist es problematisch, dass sich die Schulnoten in der 4. Klasse VS so stark auf den künftigen Bildungsweg auswirken? 

Grundsätzlich ist es nicht ideal, dass die Trennung nach Schultyp in Österreich schon so früh, also bereits mit zehn Jahren erfolgt. Dass die soziale Herkunft bei der Schulwahl eine ganz zentrale Rolle spielt, ist vielfach belegt. Dass die frühe Trennung mit zehn Jahren diese Tendenz noch verstärkt, ebenso. Dazu ein Zitat:

„Verschiebt man das Alter der Schüler zum Zeitpunkt der ersten schulischen Selektion etwa um vier Jahre, so sinkt die Stärke des Einflusses des familiären Hintergrundes auf die Testleistungen um rund ein Viertel des gesamten Einflusses des familiären Hintergrundes im Durchschnitt der OECD-Länder“ (Wößmann 2008, S.514)

Wie schon beschrieben, sind Schulnoten immer auch kontextabhängig und nicht wirklich objektiv. So hängt die Notengebung davon ab, ob das Kind einer leistungsstarken oder leistungsschwachen Klasse angehört – ein „Sehr gut“ in einer leistungsschwachen Klasse entspricht möglicherweise einem „Befriedigend“ in einer leistungsstarken Klasse. Stärken und Interessen sind in diesem Alter oft noch nicht so ausdifferenziert, dass sie wirklich über den weiteren Bildungsweg Auskunft geben können. Ein sehr intelligentes Kind hat vielleicht noch Entwicklungsbedarf im Hinblick auf Konzentrationsfähigkeit und Selbstdisziplin und schreibt deshalb schlechte Noten. Die Lehrkraft bezieht außerdem – auch unbewusst – nicht nur die Leistung, sondern auch weitere Informationen wie das soziale Umfeld des Kindes mit ein. So zeigen Untersuchungen, dass Kinder aus niedrigeren sozialen Schichten eine bessere Leistung erbringen müssen als Kinder aus höheren sozialen Schichten, um eine Empfehlung für die AHS zu erhalten.

Sabine Buchebner-Ferstl ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Österreichischen Institut für Familienforschung. In ihrer Arbeit setzt sie den Schwerpunkt auf die Themengebiete Erziehung und Elternbildung, sowie Schule und Bildung.

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