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Nachgefragt: Pohlmann, wie komponiert man eigentlich ein Kinderlied?

Ingo Pohlmann: (c) Benedict Schermann

Mit „Dingoingo“ stellt der deutsche Singer-Songwriter Pohlmann („Wenn jetzt Sommer wär“) einen erfreulichen Neuzugang für die Kinderzimmer-Playlist vor. Denn sein Album erzählt auf schöne Weise von Dingen, die Spaß machen – von fröhlichen Wespen, Rummelplatz-Ponys und Löwenzahn auf der Reeperbahn etwa. Es lädt zum tanzen und mitsingen ein, unterhält, aber nicht ohne an der einen oder anderen Stelle auch berührend zu sein.

Seine erste Begegnung mit dem Genre Kinderlied hatte Pohlmann bereits 2015 im Rahmen des ersten „Unter meinem Bett“-Samplers. Damals steuerte er den Song „Maulwurf“ bei, der so gut ankam, dass Pohlmann immer wieder darauf angesprochen wurde doch Nachschub für Kinder zu komponieren. Vor allem im Dialog mit seiner Tochter haben sich dann auch bald jene Ideen und Geschichten aufgetan, die es nun zu hören gibt. Im Interview erzählt er nun, wie sich die Arbeit an „Dingoingo“ von jener an seinen anderen Alben unterschieden hat, welche Songs ihm besonders viel Spaß machen und  warum es manchmal gar nicht so einfach ist, Texte nicht zu traurig werden zu lassen.

Sie haben zunächst Songs für Kinder für die Unter meinem Bett-Reihe beigesteuert. Wann haben Sie gemerkt, dass da für Sie noch mehr drin ist, dass dieses Genre Sie reizt, dass Sie mehr machen möchten?

Na ja, mit der eigenen Tochter kamen dann schon eine Menge Ideen zusammen. Und da ich in meinem Kopf eh ein Schnüffler und Sammler bin, hatte ich schnell einiges brauchbares zusammen. Zumal seit drei Jahren jeder meiner Bekannten und Freunde irgendwann den Einfall hatte: „Ingo mach doch mal ‘ne Kinderplatte“. Da war sie schon in Arbeit.

Gibt es Unterschiede bei der Komposition bei Musik für Kindern bzw. Musik für Erwachsene?

Sagen wir mal die Komposition kann bzw. darf sich einfacher gestalten, hatte ich das Gefühl. Beim Texten muss es aber genauso passen wie für Erwachsene. Nur dass die Themen von Kindern eindeutiger und direkter sind. Bei uns Erwachsenen gibt es eine Menge Subtexte aufgrund unserer Lebenserfahrung, die man wissentlich mit einfließen lassen kann. Das habe ich bei der Platte meistens weggelassen, glaube ich.

Was macht mehr Spaß und warum?

Kann ich nicht sagen. Ich habe anfangs noch versucht, auch nachdenkliche Lieder zu schreiben für die Dingoingo-Platte. Aber das wars nicht so richtig. Ich habe es nicht geschafft, nur nachdenklich zu sein, sondern es wurde immer zu traurig. Bei meiner Tochter funzte das gar nicht. Bei Erwachsenen fällt es mir einfacher in die Tiefe zu gehen, weil sie da gestattet und gewollt ist, und da spreche ich dann eher die Sprache meiner Lebenserfahrung. Bei Songs für Kinder ist die Unmittelbarkeit einer Idee so anziehend wie einfach. Mir macht beides sehr viel Spaß. Ich sehe mich aber hauptsächlich als der Singer-Songwriter, der ich über die Jahre geworden bin und nicht als ein zukünftiger Kinderliederschreiber.

Welcher Song auf Dingoingo ist ihr Lieblingssong und warum?

Wenn du eine Platte machst, gibt es nicht das Lieblingslied, da sie sich alle von Tag zu Tag anders in die Reihe stellen. Aber zum Beispiel „Emma“ mag ich sehr. Ich finde die Geschichte toll, die dahintersteckt. Natürlich ist da auch eine gewisse Nachdenklichkeit, aber eben keine Trauer. Man hätte auch einen Song über die armen Ponys auf dem Hamburger Dom schreiben können. Aber so ist auch noch eine spannende Revoluzzer-Story drin.

Welche Songs eignen sich denn am besten für die Kinderzimmerdisco?

„Wenn die Wespen kommen“, da tanzen alle den Tanz der Angst auf der Picknickdecke. Oder „Schaut doch mal her“ – ein Aufruf der Kinder an die Erwachsenen, hinzuschauen, bevor es vorbei ist. „Entschuldigung angenommen“ beschreibt die Freude, wenn sich einer dann endlich einen Ruck gibt und zumindest seine Hälfte der Schuld so eingesteht, dass der andere seine Ecke verlässt. Das ist so unglaublich befreiend und Anlass für allerlei Getanze. Ich hab das als Vater-Hausmann-Lehrer-Koch in den vergangenen Lock-Down-Zeiten zu Hause lernen müssen. Lustig ist auch „BabyEierLeicht“. Was kennt ihr? „Baby-Eier-Leicht“, „Baby-Acker-Leicht“ oder „Pippi-Kacka-Leicht“?

Wie ist es bei Konzerten, wen kann man leichter begeistern? Kinder oder Eltern?

Kann ich noch gar nicht sagen, da ich noch kein Live-Konzert mit der Platte und somit vor einem Kinderpublikum hatte. Bin aber respektvoll gespannt, was da passiert.

Das Image von Familienmusik hat sich in den vergangenen Jahren stark gebessert. Haben Sie denn das Gefühl das Genre wird mittlerweile anerkannt?

Denke ja. Es gab Zeiten, da war das Ganze immer zu pädagogisch lehrreich oder zu dumpfbackig einfach, wobei beide Ansätze irgendwo immer mitspielen. Aber ich glaube, das kämpft sich gerade frei. Bands wie Deine Freunde machen das großartig und haben bestimmt viel angestoßen. Aber auch Unter meinem Bett oder Giraffenaffen haben dem Genre mehr Möglichkeiten geboten, sich auszutoben. Gerade weil es früher so eingefahren war, stehen alle Türen offen wie Scheunentore.

Wie wichtig ist es Kinder auch musikalisch ernst zu nehmen und nicht mit schlecht produzierten Kinderliedern abzuspeisen?

Ben Harper hat gesagt „You can fool people, but you can´t fool music“. Oder ein anderer Spruch: „Eine Kunst ist es, das Herz zu berühren, ohne das Hirn zu beleidigen“. Nach diesen Maximen versuche ich immer zu schreiben. Egal ob für Erwachsene oder Kinder. Der Einzige, den man musikalisch nicht ernst nimmt, wenn man gewisse Musik macht, ist sich selbst. Ich denke, wenn es mir einfach nur um Geld ginge, würde ich ein „Baby Shark“-Cover machen oder schlimme Schlagermusik singen und produzieren. Dann müsste ich aber zu Hause die Spiegel abhängen. Es ist aber nicht einfach zu sagen, ob jemand tatsächlich Schaden daran nimmt, wenn er Florian Silbereisen oder Baby Shark hört. Also ich auf jeden Fall : ))

Pohlmann: Dingoingo. Kinderlieder von Pohlmann.
Ab 10.12.2021 im Handel, erschienen bei Oetinger Media. Hier gehts zur CD.

Fotocredit: (c)  Benedict Schermann

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