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Kai Lüftner: „Kinder sind wie Punks. Unzensiert, ehrlich und knallhart“

Der Berliner Kindermusiker hat in den vergangenen Jahren das Rotz’n’roll-Universum geschaffen, schreibt neben Liedern auch Bücher und ist damit extrem erfolgreich. Dabei hat er  sich zunächst nur „aus Notwehr“ mit dem Genre auseinandergesetzt. Kai Lüftner im Interview.

Warum braucht es eigentlich gute Musik für Kinder?

Keine Ahnung. Ich hab nie gesagt, ich will gute Musik für Kinder machen. Ich hab einfach nur Musik gemacht, die ich selber gern hören wollte – bzw. früher gern gehört hätte. Die Kompassnadel war mein Sohn. und ja, in der Tat gibt es für meinen Geschmack wirklich viel Zeug, mit dem ich nicht so richtig viel anfangen kann. Aber ich bewerte oder beurteile das nicht, denn Geschmäcker sind verschieden – und das ist auch gut so. Aber es war wie mit den Geschichten die ich schreibe: Ich hatte keinen Bock etwas zu machen, was schon da war. und ich habe auch keine Angst davor, nicht jedem zu gefallen.

Was war der Beweggrund damit anzufangen?

Als mein großer Sohn zwei war, habe ich ihm ein Buch vorgelesen und fühlte mich – gelinde gesagt – verarscht! Das hatte nix mehr mit dem zu tun, was ich in meiner Kindheit gelesen habe. Das war so brav, so unterfordernd, so „politisch korrekt“, so pädagogisch wertvoll – kurz: so langweilig und piefig. Keine anarchische Pippi Langstrumpf und kein wilder Tom Sawyer, sondern hier ein bisschen rosa und Glitzer, da eine Prinzessin und ein Einhorn. Voll nervig.

Hat es auch etwas damit zu tun die Kinder und ihre Lebenswelt ernst zu nehmen und sie nicht nur mit Après Ski-Hit-Ästhetik abzuspeisen?

Danke. Genau dieser Begriff ging mir immer wieder durch den Kopf. APRES SKI! Ein billiger Plastik-Synthesizer, ein gemafreier Technobeat und ein uninspirierter Ballermann-Text. Das war mein Bild von „Kindermusik“. Ich hätte mich nie damit beschäftigt. Bis ich selbst Vater wurde und mich persönlich angegriffen fühlte. Da musste ich mich wehren. Hab ich getan!
Kinder ernst nehmen? Was denn sonst? Und sich selbst vor allem ernst nehmen. Das ist doch keine Einbahnstraße. Nur wenn ich mich selbst hinterfrage und erst nehme, kann ich die ernst nehmen, für die ich dichte, singe, schreibe… und wenn man zusammen Blödsinn macht, kann man auch ernste Themen anpacken. Alles, was ich mache, mag ich selber und ich hätte es auch gern früher gehört. Das ist mehr als genug.

Wie schwierig ist es ein Konzert vor Kindern zu spielen? Immerhin geben sie in der Regel immer sehr direktes und unvermitteltes Feedback…

Ich habe jahrelang in einer Ska-Punkband gespielt. Und Kinder sind wie Punks. Unzensiert, ehrlich und knallhart. Aber was will man mehr? Was soll ich mit einer Zielgruppe, die mit gerunzelter Stirn konsumiert, sich dabei langweilt und nur aus z.B. Höflichkeit oder Etikette nicht rausgeht? Davon hat doch keiner was. Man muss sich anstrengen, wenn man die rocken will. Zum Glück werfen sie nicht mit Flaschen wenn sie was doof finden. Ich werfe stattdessen mit Konfetti! Das ist doch super!

Rotz’n’Roll-Radio bei einem Open Air-Konzert auf der Berliner Wühlheide. (c) Marco Fechner

Wer singt auf Konzerten eigentlich lauter mit: Die Kinder oder die Eltern?

Das ist ja das Schöne: Beide! Und genau das war das Ziel. Da ich selber „aus Notwehr“ angefangen habe für Kinder zu schreiben und zu komponieren, war ich bald umgeben von einem Team aus Musikern, Grafikern, Filmmenschen, denen es ähnlich ging. Gestandene Künstler und Handwerker, die sich ihre Sporen in ihren jeweiligen Gewerken längst verdient hatten und nun Eltern geworden waren und plötzlich selber Bock hatten, da etwas anderes zu machen. Und die stehen nun – mit ihren Kindern – auch im Publikum. Die Punks und Hip-Hopper, die Rocker und schrägen Vögel von gestern haben nun selbst Nachwuchs und wollen es sich nicht nehmen lassen, mit ihnen gemeinsam Musik zu erleben. Ich nenne es auch selber gar nicht „Kindermusik“, sondern Musik für Menschen, Familienunterhaltung, Entertainment für alle, die sich sonst nicht abgeholt fühlen. Das größte Lob ist, wenn Erwachsene die Musik im Auto weiter hören, auch wenn sie das Kind längst in der Schule abgesetzt haben! Perfekt!

Die Rotz’N`Roll-Ästhetik hat jedenfalls nicht so viel mit dem Bild des klassischen Kindermusikers zu tun. Warum ist gerade das so befreiend?

Weil wir uns irgendwie nicht verstellen. Wir sind wie wir sind. Mit all den Kanten und Ecken und auch den streitbaren Tönen. Ich finde okay, wenn wir nicht von allen gemocht werden, anderen zu derbe oder den nächsten zu berlinerisch sind. Unsere zwei Leitsätze sind: keep it simple, make it fett und: hab dich lieb. Wir tuns. Zu dem hab ich mich immer gefragt, was eigentlich der klassische Kindermusiker oder Kinderbuchautor ist. Ich jedenfalls nicht, denn ich bin das beides ja gar nicht!

Was sind wichtige Themen die auf einer Kinderplatte nicht fehlen dürfen?

Meiner Meinung nach sollte es wie bei einer Ferienlagerfahrt sein. Es darf um alles gehen: um Heimweh, Nachtwanderung, Party, Liebeskummer und den ersten Kuss. So ist das Leben eben: von allem ein bisschen.

Mehr zu Kai Lüftner und dem Rotz’n’roll-Universum gibt es hier.

Rotz’N’Roll Radio: Nee! (featuring Bürger Lars Dietrich:

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