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Matthäus Bär: Alles nur kein Märchenonkel

Matthäus Bär im Interview

Was tun, wenn die kindliche Emanzipation als blinkendes, knallbuntes Plastikspielzeug daher kommt? Matthäus Bär macht Musik, die auch Eltern gefällt, dabei aber immer auf der Seite der Kinder ist. Der Musiker im Gespräch über Freiheits- und Depressionssongs, über die Kunst Gefühle zu transportieren und warum es nicht „eh wurscht ist“ wie Musik für Kinder klingt.

Er macht Schluss mit dem Märchenonkel-Klischee und findet, dass Kinder musikalisch mehr verdient haben, als plumpe Après-Ski-Ästhetik. Matthäus Bär ist hierzulande ein Vorreiter dessen, was man Neue Deutsche Kinderwelle nennt. Gemeint ist Musik für Kinder, die auch Eltern mögen, bei der Hip Hop oder Punk Rock aber eben auf exakt jene Themen treffen, die in der Kindergarten-Garderobe für Zündstoff sorgen. Bei der nicht das ewige „Du sollst“ (Zähneputzen, z.b.), sondern auch endlich mal das „Du kannst“ (denken, träumen, fordern) im Vordergrund steht. Was gute Musik für Kinder ausmacht und wie es sich anfühlt vor einem Saal voller Siebenjähriger auf der Bühne zu stehen, erzählt Matthäus Bär im Interview.

Wie hat denn das Projekt Matthäus Bär begonnen? Und: Warum braucht es überhaupt gute Musik für Kinder?

Das Angebot an Kindermusik hat meinen ästhetischen Ansprüchen nicht genüge getan, also hab ich mir gedacht, ich mache selbst etwas. Im Grunde geht es darum, Musik zu machen, die ich mir auch selber anhören würde. 

Was hast du vorher gemacht?

Ich hab extrem ambitionierte, aber qualitativ nicht besonders hochwertige Indie-Rockmusik gemacht. Und in dieser Ästhetik wollte ich dann eben auch Musik machen, die Kinder verstehen. Musikalisch sind Kinder ohnehin offener als viele glauben und mögen ja auch z.b. Johnny Cash, aber es ist natürlich noch besser, wenn sie die Texte verstehen und inhaltlich dann vielleicht sogar noch irgendeinen Anknüpfungspunkt haben. 

Musik mit Mitsing-Qualität, also?

Das hat mit mitsingen gar nicht so viel zu tun, da geht es eher um Verständnis, um das Gefühl. Ich hab mich immer dagegen gewehrt pädagogische Songs zu machen – Stichwort Zahnputzsong. Weil es mir darum geht Stimmungen zu transportieren. Die Gefühlslagen sind doch bei Kindern und Erwachsenen ziemlich ähnlich – und es geht immer darum Songs zu machen, die diese Gefühle auch transportieren.

Hat das auch etwas damit zu tun, Kinder ernst zu nehmen? Ihnen inhaltlich und ästhetisch etwas bieten zu wollen? Und man muss ja auch an die Eltern denken, die hören ja meistens mit…

Ja, das ist immer jemand dabei, der auch zuhören muss. Ich finde es überhaupt wahnsinnig nervig, dass das immer getrennt wird. Es gibt Kinderunterhaltung und Erwachsenenunterhaltung. Und Kindermusik ist ein extrem schlecht geachtetes Genre, das kann immer irgendwie Humptydumpty sein. 

Im englischsprachigen Raum gibt es relativ viel Familienmusik, also auch ein prinzipielles Bewusstsein für das Genre. Bei den Grammys gibt es etwa eine eigene Kategorie und in Amerika sind kindgerechte Nachmittagskonzerte weit verbreitet. Woran liegt das?

Da ist der deutschsprachige Raum gute 30, 40 Jahre lang gefangen gewesen in dem Bild des Märchenonkels, der da mit seiner Klampfe steht. Aber mittlerweile passiert in diesem Bereich doch sehr viel. In Deutschland boomt das Genre des Neuen Deutschen Kinderlieds regelrecht. Da gibt’s Punkrock, HipHop und vieles mehr. Aber das war eben lang nicht so. 

Das heißt, es geht auch darum, Musik mit den gleichen Ansprüchen zu produzieren, wie Erwachsenenmusik?

Genau, das ist auch die zweite große Säule für mich, das ich technisch, soundrecordingmäßig etwas machen wollte, dass den Ansprüchen genügen würde, im Radio gespielt zu werden. Und eben nicht zu sagen: Weil es für Kinder ist, ist es eh wurscht. 

Sind deine Kinder das Testpublikum für deine Songs?

Ja, klar. Meistens mach ich Demos, die spiel ich dann meiner größeren Tochter vor. Die sagt dann meistens, nein, das ist voll Schrott. Ich bekomme mittlerweile – meine Tochter ist sechs – tatsächlich extrem brauchbares Feedback und das ist sehr cool. Zur Zeit will sie, dass ich ihr viel mehr Schimpfworte einbaue, da muss ich dann immer sagen „Ich weiß nicht, ob ich das liefern kann“. Die Kleine ist zwei, die zeigt das eher körperlich, ob es ihr gefällt oder nicht. 

Wird die Musik denn auch mit deinen Kindern älter? Das letzte Album ist ja eine Spur erwachsener geworden – immerhin heißt es „Nichts für Kinder“.

Matthäus Bär & Polkov: Nichts für Kinder.
Label: Phonotron. 12 Euro. www.kinderhits.at

Ja, diese EP war auch ein klar abgestecktes Projekt für mich. Das waren Songs, die ich gesammelt habe, die für mich aber auch einen sehr starken erwachsenen Kontext haben. Die nächste Platte wird inhaltlich wieder kindlicher. Wobei sie aber einen ganz anderen Soundscape haben wird. Ich mag ja immer gern so Projekte und so klingen die „Nichts für Kinder“-Songs nach Chanson-Schlager und das nächste wird mehr so 80er, Synthie-Pop, Disco. Ich mag es klangästhetische Ziele zu haben, das macht mir einfach Spaß. Und wenn das dann niemand hören will außer die Menschen, die damit zu tun haben, ist es auch ok. Wenn wir so viel Spaß haben beim recorden wie jetzt, dann bin ich schon voll happy.

Was sind inhaltlich die großen Themen?

Es wird wahrscheinlich viel um Ausgehen und Party gehen, ums Aufbleiben, ein Depressionssong ist oben, ein Beschimpfungslied…

Das ist sicher sehr befreiend für die Kinder…

Ja, ich hoffe. Dann wird es noch ein Lied geben, da geht’s mehr um das Thema Abschied aus Elternsicht, darum, wie man die groß werdenden Kindern schrittweise ziehen lassen muss. Das heißt „Kaffee und Bier“.

Es geht viel um Freiheit und Befreiung.

Ja, das stimmt eigentlich. Es hat viel mit Selbstbestimmung zu tun. Und Selbstfindung.

Das war ja auch schon beim Revolutionssong auf deinem ersten Album so, da heißt es dann „Nie mehr Holzspielzeug“. Du machst Musik, die auf der Seite der Kinder ist, oder?

Ja. Obwohl das ein Song für Eltern ist, das merkt man auch bei den Konzerten.

Die Zeile „ich möchte Barbie sein“ könnte vielleicht grenzwertig wahrgenommen werden.

Das hat aber auch mit Selbstbestimmung zu tun. Wenn meine Eltern alles immer nur super nachhaltig wollen und eine sehr ökologisch verantwortliche Ästhetik pflegen, dann will das das Kind vielleicht einmal nicht sein. Und das ist auch ok.

Diese Eltern-Generation, zu der auch wir gehören, die wollen natürlich das Beste für ihre Kinder und das sehr und das ist auch ok so. Können solche Botschaften ein wenig zur elterlichen Entspannung beitragen?

Das wäre doch schön. Vielleicht sind die Themen jetzt auch so gewachsen, weil meine Kids sich zunehmend emanzipieren von den Wertvorstellungen, die wir Eltern gut finden. Und das ist gar nicht immer so leicht zu akzeptieren. Das ist dann natürlich mit 17-, 18-Jährigen noch mal etwas anderes, aber auch im Kindergartenalter ist das ein Thema – auch wenn es als blinkendes, knallbuntes Plastikspielzeug daher kommt. Oder als irgendein Trash im Fernsehen. Und da finde ich, sollte man als Eltern auch die Größe haben zu sagen, ok, wenn du das jetzt gut findest, von mir aus.

Wie ist es bei Konzerten? Ich kann mir vorstellen, dass Kinder ein schwieriges, sehr unmittelbar agierendes Publikum sind. Die hören wahrscheinlich nicht aus Höflichkeit zu, oder?

Wenn du es nicht auf den Punkt bringst, dann war’s das. Manchmal ändern wir einfach zwischendurch die Setliste, wenn wir merken, dass wir gerade völlig den Faden verlieren. Es ist ein großer Unterschied zwischen Konzerten mit Eltern und Konzerten, bei denen nur Kinder sind. Schulvorstellungen sind immer schwieriger. Man weiß nie, welcher Song gut ankommt, so wie bei einer Band, die einen Hit hat und der ist immer geil. So ist es mit Kindern nicht, es gibt keine Bank. 

Wie ist das beim Song schreiben. Es hat ja alles, was an Kinder adressiert ist, immer mit dem Vorurteil zu kämpfen, das wäre eh leichter und würde sich eh so nebenbei machen. Ich nehme mal an, das stimmt nicht?

Es ist eigentlich genauso, wie für Erwachsene zu schreiben. Meistens steht am Anfang ein Gefühl. Ein Song funktioniert dann für mich, wenn das Feeling mit der textlichen und musikalischen Ebene Hand in Hand geht. Ein Verweigerungssong, der das System der Elternherrschaft kritisiert, hat wahrscheinlich eine größere Aussage, wenn er im Genre des Punkrocks und der lauten E-Gitarren angesiedelt ist als mit der Ukulelenbebegleitung. Es geht viel um Emotionen.

Bei dir gibt es immer auch Platz für schlechte Laune. Das traurige Kind ist ja schon fast so etwas wie ein Tabu.

Aber Kinder sind eben auch oft traurig. Und deswegen kommt auf die nächste Platte auch ein Depressionssong. In der herkömmlichen Kindermusik ist nicht so viel Platz für die Gefühle dazwischen und das Unangenehme, da ist mehr Apres Ski-Humptydumpty, ja. Die gehen über den Regenbogen.

Tipp: Hörproben, Videos und noch viel mehr gibt es auf www.kinderhits.at

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