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Violetta Parisini: „Zwischendurch glaubt man, das war’s jetzt“

(c) Rania Moslam

Mutter zu werden kann so schockierend wie schön sein. Musikerin Violetta Parisini im Interview über Vereinbarkeit, gute Männer und Kreativität auf Knopfdruck.

In ihren Liedern lässt sie das Flüchtige greifbar werden. Sie verdichtet Gedanken und Gefühle, um ihnen dann mit ihren Melodien die nötige Leichtigkeit zu geben. Violetta Parisini ist Sängerin, Liedermacherin, Erzählerin. 2010 fiel sie mit ihrem Album „Giving You My Heart To Mend“ auf, 2014 kuratierte sie gemeinsam mit Wolfgang Schlögl das Popfest Wien. Jetzt kehrt sie mit neuen Liedern auf die Bühne zurück. In der Zwischenzeit ist Parisini Mutter geworden, ihre beiden Töchter sind heute 5 und 2 Jahre alt. Warum sie mit dieser neuen Rolle zwischendurch auch mal gehadert hat, was das Muttersein mit ihrer Musik gemacht hat und warum es gar nicht schlimm ist, wenn vielleicht nicht immer alles geht, erzählt sie uns im Interview.

Reden wir über Vereinbarkeit. Bei deiner letzten Albumpräsentation bist du hochschwanger auf der Bühne gestanden. Mittlerweile bist du Mutter zweier Töchter und jetzt kehrst du mit neuen Songs zurück auf die Bühne.

Das ist jetzt sechs Jahre her und diese Zeit ist verflogen. Die allererste Zeit war schwierig für mich, weil ich mich in meiner ersten Schwangerschaft mit dem neuen Album einfach übernommen habe, da war ich körperlich und psychisch am Ende und hätte nach der Geburt auch erstmal drei Monate schlafen können. Bei meinem zweiten Kind habe ich dann eine bewusste Pause gemacht.

Wie teilen du und dein Partner euch die Arbeit um die Kinder heute auf?

Inzwischen machen wir 50:50. Wir hatten beide von Anfang an vor, dass wir uns alles teilen, ganz selbstverständlich, und das es kein Gefälle gibt zwischen Mann und Frau. Das hat aber nicht gleich funktioniert. Ich wollte gerne stillen, da war dann halt klar, dass ich ohnehin die ganze Zeit da bin. Und dann schleicht sich das eben ein, das wissen wir eh alle. Mein Mann ist sehr bewusst und sehr feministisch im besten Sinn und trotzdem haben wir beide unterschätzt wie stark diese körperliche Komponente die Frau an das Kind bindet und wie lange man braucht, um sich davon zu emanzipieren. Und man will es ja auch nicht. Beim zweiten Kind war mir dann ganz klar, ich nehme mir einfach 1,5 Jahre Zeit und mache nichts anderes.

Auch um den Druck rauszunehmen, das „ich sollte, ich müsste“?

Ja, genau. Da muss man dann auch einmal sagen, ja, ich sollte und müsste vielleicht, aber ich kann jetzt nicht. Das hat mir sehr gut getan. Drei Monate nach der zweiten Geburt habe ich ein Konzert gespielt und gleich gemerkt, ich komme jetzt nur noch in die Wiederholung von alten Sachen. Ich hab gerade nichts zu sagen und nichts zu geben. Alles was ich zu geben habe, gebe ich jetzt meinen Kindern und das ist auch gut so. Ich habe natürlich trotzdem geschrieben und auch unterrichtet, aber dieses kreative und auf der Bühne zu sitzen, das ist sich einfach nicht ausgegangen. Und jetzt geht es sich wieder aus. Zum Glück.

Beim zweiten Kind hast du auch schon gewusst, dass diese intensive erste Zeit auch wieder vorbei geht.

Genau, zwischendrin denkt man ja, das hört nie wieder auf. Ich werde nie wieder ein Lied schreiben. Ich werde nie wieder kreativ sein, ich hab jetzt nichts mehr zu geben außer Muttermilch und vorlesen. Zwischendurch kann man sich gar nicht mehr vorstellen, dass sich das jemals wieder ändert. Und ich merke auch jetzt noch, dass es immer ein schmaler Grad ist: beides machen zu können und zu wollen und es auch gut zu machen. Eine der Komponenten leidet dann schnell. Man muss aufpassen, dass man sich nicht zu viel vornimmt.

Warum fällt es so schwer zu sagen, ich will jetzt gerade vielleicht gar nicht alles?

Ich hab mich auch lange mit dem Gedanken getragen, dass alles gleichzeitig gehen kann. Muss und kann. Aber das stimmt einfach nicht. Es ist mir aber auch schwer gefallen, mich zumindest zeitweise von der mütterlichen Verantwortung zu emanzipieren. Das ist nicht unbedingt nur ein weibliches, sondern auch ein persönliches Problem und hat damit zu tun, dass ich dazu tendiere, mehr Verantwortung zu übernehmen als ich müsste. Aber ich kenne das schon auch von vielen Frauen aus meiner Umgebung.

Wenn man von einem Paar zu Eltern wird, müssen beide erstmal in ihre neuen Rollen finden.

Richtig. Und man muss unbedingt auch die guten Männer loben. Nach der Geburt meiner älteren Tochter – und diese Geburt war schrecklich, schrecklich, schrecklich – konnte ich zehn Tage nicht schlafen, weil ich so unter Strom stand. Jetzt im Nachhinein denke ich mir, das war ja knapp vorbei an der Psychose. In dieser Zeit hat der Sixtus alles gemacht. Alles außer stillen. Ich weiß nicht, was ich ohne ihn gemacht hätte. Ich wäre verzweifelt. Das Ungleichgewicht hat sich dann erst später eingeschlichen und ich glaube, es liegt ganz viel am stillen. Weil das heißt, man ist selbst mehr oder weniger ständig mit dem Kind zusammen. Irgendwer muss ja auch noch Geld verdienen, das ist dann der andere, und diese Aufteilung wieder zu ändern ist gar nicht so leicht.

Du und dein Mann, ihr seid beide Musiker habt also beide freie Berufe. Ist das Fluch oder Segen?

Es ist vor allem finanziell schwierig, weil du dich auf nichts verlassen kannst. Es gibt einfach keine Planungssicherheit. Trotzdem würde ich es nicht anders wollen. So können wir uns beide einen Schritt zurück nehmen und uns die Zeit, die wir mit den Kindern verbringen wirklich gerecht aufteilen. Inzwischen schaffen wir es auch die meisten Wochenenden für Zeit zu viert zu reservieren. Ich glaube, ich würde es nicht schaffen, 20 Stunden in der Woche zu arbeiten, dazwischen die Kinder zu haben und dazwischen gar keine Zeit in der ich auch mal zu mir kommen kann. So kann ich nicht kreativ arbeiten, ich hab’s versucht, keine Chance.

Es ist auch so passend, dass ich dich um ein Interview zum Thema Vereinbarkeit bitte und du sagst „Ich hab jetzt einen eigenen Arbeitsraum“.

Ich bin so froh, dass ich diesen Raum jetzt habe. Hier ist einfach Konzentration. Wenn am Nachmittag die Kinder mit dem Sixtus nach Hause kommen, wo soll ich dann dort noch arbeiten? Und was wir auch als Paar zu spüren kriegen, ist, dass es für ihn schwer ist sein Ding zu machen, wenn ich da bin. Weil ich dann anfange ihm reinzufunken. Das ist schrecklich, aber es passiert. Es ist wichtig für ihn als Vater zu sagen, ich hab eine andere Rolle, ich bin nicht die Mama und ich erlaub nicht immer die gleichen Sachen nicht und schon und das ist auch gut so.

Nimmst du die Zeit mit den Kindern, jetzt wo du wieder mehr arbeitest, anders wahr?

Ja, ich kann es mehr genießen! Meine Große geht in einem halben Jahr in die Schule. Diese Zeit ist so schnell vorbei, wenn ich die nicht genieße oder versuche zu genießen jenseits von Geldstress und Statusangst, dann verpasse ich sie einfach. Es ist eine sehr, sehr schöne Zeit. Und es ist natürlich auch schön dann auch mal weg zu sein, aber es gibt immer den Punkt, an dem ich mich wieder nach meinen Kindern sehne. Sehr lange bin ich an diesen Punkt überhaupt nicht gekommen. Jetzt ist es am Abend einfach schön nach Hause zu kommen.

Wie ist die Rückkehr auf die Bühne für dich? 

Hin und wieder kommt natürlich der große Zweifel und die große Angst, wie sich das alles ausgehen wird in Zukunft. Aber ich will sowieso keine Musik machen, die davon abhängig ist, dass ich jung und lustig und attraktiv bin. Ich will Musik machen, die da drüber steht. Und wenn man diesen Jugend-Bonus nicht mehr hat, ist es eben noch wichtiger, dass die Musik richtig gut ist. Das ist auch gut, weil ich jetzt viel intensiver an den Dingen arbeite. Ich weiß nicht, ob sie besser werden, aber sie sind anders als früher, es geht um andere Themen.

Was hat sich genau geändert?

Es ist irgendwie eine andere Dichte entstanden. Natürlich ist der Entstehungsprozess an sich auch anders. Viele dieser Gedanken, die früher sofort zu Songs wurden, verfliegen jetzt wieder. Das hat Vorteile und Nachteile. Zum Beispiel, dass die Gedanken, die wirklich bleiben, vielleicht auch die wichtigeren sind. Aber manchmal werden gerade die flüchtigen und unwichtigen Gedanken zu großartigen Songs und das passiert mir einfach so gut wie nicht mehr. Außerdem bin ich noch strenger mit mir, nicht mehr andauernd total inspiriert und in der Welt unterwegs. Mein Alltag wiederholt sich. Dadurch entstehen ganz andere, spannende Themen, die sind aber auch viel schwieriger zu formulieren und zu verpacken.

Du hattest immer schon eine gewisse Ernsthaftigkeit, in deiner Musik geht es immer auch um die Botschaft. Welche ist das heute?

Die Veränderung an sich ist das größte Thema. Das merke ich, wenn ich die Texte der letzten Jahre noch mal durchlese. Und das ist ja auch am Mutterwerden das schockierendste, dass du deine Identität neu ordnen musst. Ich bin noch ich, aber gleichzeitig bin ich auch jemand anderer. Ich habe mich früher nie mit dem Muttersein identifiziert, das war einfach nicht relevant für mich. Ich bin selbst ohne Mutter aufgewachsen und das ist bestimmt auch ein Grund, warum ich so mit dieser Rolle hadere, eben weil ich sie nicht so gut kenne. Das größte und auch spannendste Thema für mich ist: Wie finde ich mich neu und wie friedlich bin ich mit dieser neuen Rolle? Und kann ich trotzdem noch all das sein, was ich früher war?

Die Frage ist aber auch, willst du noch all das sein, was du früher warst?

Das ist natürlich die Frage. Und es gibt manche Dinge, die will ich nicht mehr sein. Aber die Wildheit – ich war jetzt nicht außerordentlich wild, aber schon deutlich wilder als jetzt – ist etwas, das ich schon manchmal vermisse. Auf der anderen Seite ist da aber auch eine ganz neue Freiheit. Weil Kinder eben wahnsinnig frei sind und weil man mit ihnen ganz leicht allerlei Schamgrenzen verliert. Und da kommt es dann eben auch mal vor, dass ich mit meinen Kindern in der Straßenbahn Weihnachtslieder singe.

Bildrechte: (c) Rania Moslam, www.raniamoslam.com

4 Kommentare

  1. Danke für dieses schöne und intime Interview!
    Für mich als Musiker und Noch-nicht-Mutter beinhaltet es ganz viele Fragen zur Vereinbarkeit, die ich mir auch immer wieder stelle. Natürlich gibt es nicht die eine Antwort, sondern soviele verschiedene, und das Sichtbarmachen dieser verschiedenen Zugänge ist total wichtig und schön. <3

    • Ja, genau, das sichtbar machen und damit automatisch auch das aufzeigen der vielen und gleichwertigen, vor allem aber sehr individuellen Wege Kinder, Beruf, Familie, Freunde und nicht zuletzt auch sich selbst zu „vereinbaren“. Schön, dass du das Interview gerne gelesen hast, wir werden uns dem Thema ganz bestimmt auch weiterhin annehmen!

  2. Susanne K. sagt

    Danke für dieses wunderbare Interview, für kluge Gedanken und schöne Sätze, die mir aus dem Herzen sprechen.
    Wenn mich mal wieder jemand fragt, wie es ist, Mutter zu werden, werde ich gern auf diesen Text verweisen.

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